Alle reden vom Wetter. Wir nicht.

Es schneit. Unbekanntes, unerprobtes Wetterphänomen Schnee. Unsere Zugreise währt nun schon anderthalb Stunden. Wobei »Reise« eigentlich nur die hundert Meter Fußweg vom Messegelände zum Bahnhof Leipzig/Messe bedeutet. Und »Zug« meint seither – haha – vor allem Durchzug. Man steht am Gleis, im Wind, im Schnee, im Angesicht der Unendlichkeit. Letztere offenbart sich auf den Anzeigetafeln am Bahnsteig. Die Informationspolitik der Deutschen Bundesbahn verbindet alle Charakteristika moderner Literatur: Sie ist offen, brüchig, antwortlos. Sie spiegelt die existentielle Unbehaustheit des Einzelnen in einer als unverständlich erlebten Gegenwart. Noch immer, am mittlerweile späten Nachmittag, wird der 9.48-Zug nach München angezeigt, mit insgesamt 392 Minuten Verspätung. Wir würden ihm, wenn er endlich käme, keinen Vorwurf machen, keine Fragen stellen. Das kann ja mal passieren. Wenn er nur käme. Züge werden annonciert, erwartet, wir zählen die Minuten bis zu ihrem Eintreffen herunter, in unserem Kinderglauben an Pünktlichkeit und Präzision. Dann vergeht der jeweilige Moment, ereignislos, wir werden stiller, von einem Fuß auf den anderen springend, um nicht gänzlich auszukühlen, ein anwesender Literaturkritiker holt die zweite Anzugjacke aus dem Koffer, man kann es ihm nicht verdenken. Irgendwann springt die Anzeige kommentarlos weiter, der nächste Zug wird gemeldet, der dann leider auch nicht kommt. Man denkt, weil man auf der Buchmesse war, an Werner Herzogs »Vom Gehen im Eis«, man denkt an Robert Falcon Scotts Weg zum Südpol und sein fatales Ende, man denkt an Pinguine. Bleibt bei mir, Freunde, für Zuspruch, Trost und Unterhaltung. Es wird womöglich ein längerer Nachmittag.

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Endlich beschließen wir, unser Glück auf dem Landwege zu suchen. Im Nahverkehr. Konkret: In der Trambahn No. 16 zum Hauptbahnhof. Bereits die zweite Bahn ist so wenig überfüllt, dass wir gerade noch hineinpassen. Nur die Koffer bleiben zurück. Wie gut die Nähe der Menschen tut – und sei es nur wegen ihrer Körperwärme. Wir stehen dicht gedrängt und träumen davon, dass die Tram einfach weiterfährt bis München.

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Der Waggon ist gut gefüllt, was zumindest den Vorteil mit sich bringt, dass niemand umfallen kann. Vor dem Fenster Schneeflocken, Schrebergärten, erste Polarfüchse ziehen auf der Suche nach Beute durch die Vororte. Ohne Halt fahren wir an den Haltestellen vorüber. An der Straße steht ein Männchen mit halbmeterhoher Pudelmütze, neben ihm im Schnee eine flammendrote 30-Liter-Bhutangasflasche. Man möchte aussteigen, um ein Lagerfeuerchen zu veranstalten. Aber der Wagen, der rollt.

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Am Hauptbahnhof. Mit einem Ploppen öffnen sich die Wagentüren, wir perlen hinaus. Der freundliche Mitarbeiter im Reisezentrum weist darauf hin, dass der nächste Zug bereits vollständig ausgebucht sei. Der übernächste leider ebenfalls. Irgendwann aber werde es wieder Züge geben. Jetzt erst fällt mir auf, dass er aussieht wie Kafkas Türhüter.

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Sagte ich Türhüter? Dabei weiß ich gar nicht, wie der aussieht, man hat von ihm ja nur gelesen. Womöglich stellt sich das Hirn auf Notversorgung um. Der Leipziger Hauptbahnhof dagegen sieht aus wie das Elysium. Lauter herumstreifende Seelen, jenseits von Gut und Böse, mit einem Gesichtsdruck, der nichts mehr will. Rilkes Panther muss so ausgesehen haben.

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Am Gleis. In der Ferne nähern sich die Lichter eines Zuges. Verschwommen, vielleicht von den Schneeflocken, vielleicht von meinen Tränen. Heiße, nicht enden wollende Tränen des Glücks. Ich schäme mich ihrer nicht.

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»Die Abfahrt des Zuges verzögert sich. Wir haben keine Zugbegleiter für diesen Zug. Wir haben, wenn wir ehrlich sind, nicht mal einen Lokführer.«

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Durchsage: Der Lokführer stecke in Erfurt im Schnee fest. »So schnell wird sich hier kein Rad drehen.« Poesie der Not.

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Falls jemand dies liest, der im Besitz eines ICE-Führerscheins ist: Sie wären hier sehr willkommen.

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Wenn man von solchen Erlebnissen in den Zeitungen liest, taucht früher oder später immer das Wort »Gulaschkanone« auf. Hier leider nicht.

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Der Zug fährt an. Der gesamte Großraumwagen kreischt auf wie eine Achterbahnbesatzung bei der Sturzfahrt. Irres Kichern, spontane Verbrüderungen, wir kennen keine Hemmung mehr. Jetzt ist alles möglich.

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Erster Halt. Leipzig/Messe. Schon wieder. Immer noch. Mein Leben ist in einer Schleife gefangen.

 

Im Märzen

»ABER WIR SIND JA NOCH AM LEBEN!«, brüllt die alte Frau vom Balkon zu ihrer Nachbarin hinüber und weil man gerade unter dieser Szene durch den Schnee stapft und die Sonne das Ganze so kalt und schön beleuchtet und man festtagsbedingt ohnehin recht guter Dinge ist, wagt man, die Aussage um einen einordnenden Kommentar zu ergänzen. »ZUM GLÜCK!«, brüllt man also zurück und für ein, zwei Augenblicke bilden die Balkonfrau, ihre Nachbarin und man selbst eine kleine winterliche Momentverschwörung.

Wie es ist

Herausforderungen der Gegenwart: Die Nachricht von den Affen, denen man Witzfilme vorspielt, damit sie sich nicht daran stören, dass ihnen Autoabgase in den Käfig geleitet werden, nicht als Metapher unseres Daseins zu lesen.

Feuer & Zorn

Es hat Zeitungsartikel gegeben. Unzählige Zeitungsartikel mit klugen, scharfen, hilfreichen Analysen. Es gab Talkshows (sehr viele Talkshows) und natürlich eine ganze Reihe Reportagen. Da waren Interviews und Livesendungen, treffende Cartoons, es gab hervorragende Comedynummern und zahlreiche Essays in den Magazinen der Welt. Das Internet hat sich im vergangenen Jahr mit kaum etwas anderem beschäftigt, die sozialen Medien sind voll davon: Tweets, Memes, Gifs. Es hat das alles gegeben. Noch wissen wir nicht, ob der Kaiser diesmal seine Kleider verliert. Aber so nackt war er noch nie. Und was ist der Auslöser?

Ein Buch.

Proust und das liebste Stück

Rückfahrt. Die Traurigkeit von Rückfahrten. Hinterm Deister kommt kurz die Sonne heraus, aber wer will sich so spät im Jahr noch daran gewöhnen. Dann wieder kilometerweit nur Media Märkte. Kurz vor Kassel-Wilhelmshöhe die Nachricht, in Amerika sei ein unentdecktes Manuskript von Marcel Proust entdeckt worden. Ein Mirakel. Es gehe, halten Sie sich fest, um Onanie. Sofort rote Ohren bekommen, rote Wangen. Das Manuskript sei in einer University Press erschienen, sorgfältig kommentiert, und werde jetzt ins Französische übersetzt. Was für eine herrliche Aufgabe muss das sein. Sollte ich jemals Übersetzer werden, möchte ich Proust ins Französische übersetzen. Leider erweist sich die Nachricht – Hände wieder über die Bettdecke! – als Hoax. Ein Hoax ist das, was früher eine Falschmeldung war, aber es ist weltläufig und riecht besser. So wie Kassel-Wilhelmshöhe das ist, was früher einmal Kassel war. Geruchloses, weltfreies Kassel. Zum Trost in der neuen Ausgabe des »Magazins der Deutschen Bahn« blättern. Das db mobil ist papiergewordene Atemnot, was diese Ausgabe besonders eindrucksvoll zum Ausdruck bringt, sie widmet sich der Nachhaltigkeit. Auf jeder zweiten Seite steht »db mobil – mein liebstes Stück Deutschland«: Wen überwältigte da nicht auf einmal eine existentielle Sehnsucht nach Kassel? »Kassel, Ursprung Deutschlands und sein liebstes Stück« – was hätte Proust zu einem solchen Werbespruch gesagt? Das Wirken der Gebrüder Grimm nahm hier seinen Ausgang und (wenn dem Blick aus dem Fenster zu trauen ist) die Media Märkte ebenfalls. »Hier muss ein Nest sein« – ein anderer möglicher Kassel-Claim. Aber zurück zum db mobil: Nachhaltigkeit beweist man offenbar durch besonders »haptisches« Umschlagpapier, das, weil es vor allem dick ist, am Ende einfach ein paar Bäume mehr verbraucht. Gestern schrieben Freunde aus Kalkutta in einer anderen Sache, sie seien »haptic to share«, aber meine Freude über die Umnutzung des Wortes erstarb beim Begreifen des Missverständnisses. Was für eine traurige Welt, in der Autokorrekturen nicht einmal mehr das Wort »happy« erkennen. Ich schweife ab. Erneute Ermahnung, es endlich mit dem db mobil aufzunehmen: Unter der Überschrift »Drei Fragen an Jürgen Vogel« bekommt Jürgen Vogel drei Fragen gestellt. Man stelle sich vor, die Brüder Grimm würden ihre Märchen heute herausbringen (sicherheitshalber auf haptischem Papier). Wahrscheinlich würde die gute Fee darin sagen: »Du hast drei Fragen frei.« Vogel also, Weltewigkeitsversteher Vogel. Auf die Frage, wie es war, zuletzt den Urzeitmenschen Ötzi zu spielen (»Wie tief mussten Sie für diese Rolle in sich gehen?«), antwortet er in bewundernswerter Allzeitmensch-Gewissheit: »Vor 5000 Jahren war alles existentiell. Wie es Ötzi erging, kann man daher gut erahnen. Mir ging das jedenfalls so.« Sollte ich jemals Schauspieler werden, würde ich darum bitten, einmal die Existentialität spielen zu dürfen, in einer Nebenrolle. Im Artikel auf der Seite gegenüber steht, dass der Deutsche 24 Jahre lang schläft. Dann will ich das mal tun. Wir sehen uns später.

 

Pasta

Und gerade, wenn du denkst, du hättest alles erlebt, fällt dir das »Persönliche Interview« mit Michelle Hunziker (MH) in die Hände: WAS GEHÖRT FÜR SIE ZU EINEM PERFEKTEN TAG?

»Fit oder eher ein Morgenmuffel?«
[Herr, lass sie ein Morgenmuffel sein. Michi, sichere dir die ewige, unveräußerliche Zuneigung deiner Fans, indem du dich zum Morgenmuffeln bekennst. Nie war es so leicht, eine von uns zu sein, eine von allen. Herrlich müdes Wort, übrigens, Morgenmuffel. Klingt nach altem Croissant. Nach einem eine Woche alten Croissant.]
MH: »Da die Kids sofort hellwach sind, bin ich es auch. Mit mir kann man sich auch schon beim Frühstück unterhalten (lacht).«

»Wie lange brauchen Sie morgens im Bad?«
[Na gut, die wird schon ein bisschen brauchen, bei dem Foto. Sicher doppelt so lange wie unsereiner. Das Lachen (lacht). Die Selbstgewissheit. Der Glanz. Locker vier Minuten.]
MH: »Das hängt ganz davon ab. Wenn ich nicht arbeite, geht es schnell. Duschen, Haare föhnen, fertig. Da reichen 40 Minuten.«

»Wie wichtig ist Ihnen das Frühstück?«
[Jetzt kommts. Michelle H. gibt zu, noch nie in ihrem Leben gefrühstückt zu haben. Wie sonst kommt man an eine solch herrlich schlanke Nase. Eine Nase wie ein Paar Gazellen, das in den Auen des Zweistromlands weidet. Kleopatra hätte getötet für solch eine Nase.]
»Sehr wichtig. Ich frühstücke mit meiner Familie. Da gibt es für mich Vollkorn-Müsli. Und einmal pro Woche darf es auch mal ein Croissant sein.«

»Ihre wichtigsten Beauty-Accessoires?«
[Accessoires muss man, bevor man sie trägt, erst einmal schreiben können. Hilflosigkeit hat einen Namen: A-c-c-e-s-s-o-i-r-e. Und während sie alles andere, jedes einzelne Wort falsch zu schreiben imstande sind, gelingt diesen Magazin-Machern das Wort Accessoire stets fehlerfrei – im Gegensatz zu jedem anderen Erdenbewohner. Ist das das Zeichen, dass es Aliens sind, die in diesen Redaktionen sitzen? Hat jemand mal ihren Puls gefühlt oder nachgeschaut, ob sie einen Bauchnabel haben? Schlüpfen sie jeden Morgen in die Haut der Humanoiden? Brauchen sie deshalb so viele Beauty-AsseAscessoAccessoires?]
»Lipgloss oder nudelfarbener Lippenstift.«

 

[Hat sie wirklich nudelfarben gesagt? Für einen Moment hört die Welt auf, sich zu drehen. Dann liest man noch mal, ganz langsam. Ah, nudefarben steht da. Auch schön. Die Welt dreht sich weiter.]