The American century: ’45–45th

Worauf ich mich jetzt schon freue: Wenn das alles einmal vorbei sein wird und im Rückblick einfach den Startschuss zu einer Bewegung gebildet hat, in der wir irgendwann doch noch begreifen, dass Verantwortung und Vernunft und Toleranz recht anständige Tugenden sind, so dass die ganze Sache im Nachhinein auf verblüffende Weise zu etwas gut war – wenn dann aus irgendeinem Loch der letzte übriggebliebene Verschwörungstheoriker flüstert: Cui bono, das war doch ein abgekartetes Spiel und Trump nur ein perfider Trick, ein Strohmann der Aufklärung, die sich anders nicht mehr zu helfen wusste.

(Man darf ja mal träumen.)

Dem ablaufenden Jahr ins Gästebuch geschrieben

Liebes 2016,

entgegen einer weitverbreiteten Einschätzung war dein Problem nicht, dass ein paar verdiente Helden gestorben sind. Dein Problem war, dass Beschränktheit & Aggression schick geworden sind. Furor war die Modefarbe der Saison.

Das hat viele kalt erwischt. Man ist auf dem Toleranz-Ohr ja ziemlich ansprechbar. Was sich an Diskussionen entspann, hat manchem argumentativ ein wenig die Frisur verstrubbelt. Es ist Zeit, sich zu sammeln. Es wäre, so viel sei dir, liebes 2017, schon verraten, schön, das nicht noch einmal erleben zu müssen.
Stattdessen:
– Die »Man wird das doch noch sagen dürfen«-Masche ist vorbei. Kann man sagen. Bleibt aber falsch.
– Ebenso hat sich die Vorstellung einer Filterblase als falsch erwiesen. Ich bin niemals so vielen fremden, befremdenden Meinungen begegnet wie in diesem Jahr. Das war bisweilen anregend und oft aufregend. Ein Teil des ganzen Hasses ist schlicht der Tatsache geschuldet, dass heute der Speichel sichtbar wird, der früher auf dem heimischen Sofa eintrocknete.
– Es ist keine Schwäche, verständnisvoll zu sein. Verständnis bedeutet nicht, sich auf die Zunge zu beißen. Nur eines ist noch anstrengender, als andere zu verstehen: sich selbst in Frage zu stellen.
– Das beste Mittel, um Wahrheitsfindung zu befördern und seine Urteilskraft zu stärken: Ein Zeitungsabo abschließen. Print, wegen der herrlichen Ruhe, die es ins Denken bringt. Gute Zeitungen sind, umlaufenden Beschimpfungen zum Trotz, ein verblüffend wirksames Mittel, die eigene Meinung zu bilden. Kombivorteil: Demokratie gibt’s gratis dazu. Wer ausreichend versorgt ist, verschenke Abonnements. Für Neffen und Nichten gibt es kein besseres Weihnachtsgeschenk.
– Und schließlich: Lassen wir die alten Leute in Frieden sterben. Erinnern wir uns an sie, lesen wir ihre Bücher, hören wir ihre Musik. Aber kreiden wir es dem Jahr nicht an, es kann nichts dafür. 

Auf ein Neues.

Evolution

Telefon runtergefallen. Kennt jeder. Was sie einem nicht sagen: Hinter dem gesprungenen Glas bildet sich ein Fleck, dessen langsames Ausgreifen die Naturgeschichte der Tierwelt nachzeichnet – anfangs sah es aus wie ein Einzeller, dann wie eine Amöbe, am dritten Tag wurde er zum Schwamm, bald darauf bildeten sich Wirbel, Kiemen, Schwimmflossen. Heute morgen zeigte sich deutlich ein Kaiserpinguin. Gerade wird es zu einer Art Papageientaucher. Wo soll das alles nur enden?

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Aichinger

Ende der 90er, Buchmesse Leipzig, ein Mittwochabend mit leichtem Regen. Beim Streifen durch die Innenstadt lese ich auf einem Plakat, dass gleich Ilse Aichinger liest. Ich war stillschweigend davon ausgegangen, sie sei längst tot, und sitze auf einmal vor dem Lächeln dieser kleinen, strahlenden Frau. Ich hatte mit ihren »Schlechten Wörtern« lesen gelernt, wann immer ich Literatur unterrichtete, mussten die Studenten so lange Aichinger lesen, bis sie verstanden, was der Witz von all dem ist, von der Sprache, vom Schreiben.
Jetzt ist sie fünfundneunzigjährig wirklich gestorben. Ich mache – mit Dank – einen Knicks.

Zeitumstellung

Früher wachte man auf und stellte die Uhr um. Heute schwant dir, sie könnte das bereits selbst erledigt haben. Also erst einmal sämtliche verfügbaren Uhren zusammentragen, um einen Überblick zu bekommen, ein Meinungsbild, einen Mittelwert. Zeit ist nur noch im Rudel denkbar.

Frisch

Und dann ist man zu Verlagsbesuchen in New York, reißt das frisch aus der Reinigung geholte Paket mit den weißen Hemden auf und steht im funkelnden Regenbogenlicht einiger Damenblusen. Jetzt heißt es mutig sein.

Reinigung

Unterkunft

Weißt du, Berlin, wenn man nach einem Tag voller Agenturvisiten, Bewerbungsgespräche, Hitzewallungen, Autorenlunches, Bundeskanzlerinnen, Preisverleihungen und Galadiners bei Nacht sein wohlverdientes Hotel erreicht, um kurz die Beine hochzulegen, und der eigenwillige Herr an der Rezeption legt die ihm ausgehändigte Buchungsbestätigung zur Seite, wühlt eine Weile in seinem Monitor, schaut dann langsam auf und sagt die unsterblichen Worte »Es gibt Sie nicht« und beschreibt damit genau, wie gespenstisch man sich tatsächlich gerade fühlt, so dass einen unversehens der Wunsch überkommt, ein bisschen an seiner Schulter zu weinen, als er fortfährt: »Trifft sich gut, wir haben ohnehin nichts mehr frei«, worauf man mit brüchiger Stimme vorschlägt, einfach so lange die Luft anzuhalten, bis sich in irgendeinem Keller ein Lager findet, und das nächste, woran man sich erinnert, ist der Rücksitz eines Autos, das einen in namenlose Vororte fährt, wo sie einem zur Wiedergutmachung eine Suite von Größe und Ausstattung eines kleinen Dorfes überlassen, dabei will man einfach nur für eine Handvoll lammfrommer Stunden endlich etwas Ruhe, dann, Berlin, weißt du, hat man schon wieder fast ein klein wenig genug von dir.

Stille Post

Ein halbes Jahrhundert, nachdem der Hanser Verlag seinen Büchern diese Postkarten beilegte, trifft jetzt eine Rücksendung aus Australien ein. Leider hat sich der Absender in all der Zeit nicht entscheiden können.

Australien