Liebe Monopolkommission

Eins vorab: Sie haben einen schönen Namen. Monopolkommission klingt rund und voll, man wünschte sich Ihren Namen von einem Chor älterer Herren mit sonorer Stimme vorgetragen, in endloser Wiederholung, aber das nur am Rande. Ich könnte mir vorstellen, dass Ihr Name Ernst Jandl gefallen hätte, der ein Liebhaber des Phonetischen war. Falls Sie mit dem Namen Ernst Jandl erfreuliche Erinnerungen verbinden, liegt es möglicherweise daran, dass Sie in der Nähe einer Buchhandlung aufgewachsen sind, doch dazu später. Zunächst zum Eigentlichen: Ich bin wirklich und aufrichtig dankbar für die Buchpreisbindung. Nicht nur aus naheliegenden Gründen – weil ich als Verleger und Autor ökonomische Vorteile aus der Tatsache ziehe, dass die Menschen es hierzulande näher zu besser beratenden, besser sortierten, schneller bestellenden Buchhandlungen haben als in ziemlich jedem anderen Land der Welt. Sondern auch als Leser, der diese Grundversorgung schätzt und braucht. Ich empfinde die Buchpreisbindung nur insofern als unvorstellbar, als man Dinge, ohne die man sich das Dasein auf Erden kaum vorstellen mag, eben unvorstellbar nennt. Mir ist bewusst, dass ein Leben ohne Buchpreisbindung möglich wäre. Aber ist es erstrebenswert? Die Beispiele anderer Länder zeigen ohne Ausnahme, dass die Abschaffung von Buchpreisbindungen hässlich macht: die Buchhandelslandschaft ebenso wie die Verlagsprogramme. Und mit Ausnahme einiger Bestseller werden nicht einmal die Bücher billiger. Wenn Sie als Gegenbeispiel anführen mögen, das Buchangebot in der Deutschschweiz sei nach dem Fall der Buchpreisbindung doch gar nicht kleiner geworden, dann ahnen Sie womöglich selber: Das liegt ausschließlich daran, dass auch danach noch ziemlich viel Deutschsprachigkeit mit erfreulicher Buchhandlungsdichte übrig geblieben ist. Der Schweizer Buchhandel dagegen ist massiv ausgedünnt.
Ich weiß, liebe Monopolkommission, Sie haben eine einzige, übersichtliche Aufgabe: auf Wettbewerbsverzerrungen hinzuweisen. Dieser Aufgabe sind Sie bravourös nachgekommen. Denn ja, die Buchpreisbindung verzerrt den Wettbewerb. Nur: Genau das ist ihre Absicht. Weil sie Gutes damit bewirkt, weil sie – siehe oben – die Welt schöner macht. Wer dagegen Ihren Bericht liest, möchte es Ottos Mops gleichtun.

Hab Acht

Wie anders der tägliche Arbeitsweg aussieht, wenn du zu Hause feststellst, dass dir die Jacke mit dem Portemonnaie vom Gepäckträger gerutscht ist. Du drehst sofort um und siehe da: Wo sonst nur Trott & Trance regieren, erblühen auf einmal ungeahnte Details am Wegesrand, nicht zuletzt lauter jackenfarbene Mäuerchen, jackenförmiges Buschwerk etc. Es ist die reinste Schule des Sehens und allemal sein Geld wert.

Vertretersitzung

Erschöpft & glücklich: Wir haben eine Woche lang den Verlagsvertretern das Herbstprogramm vorgetanzt. Lieblingssätze in der Diskussion:
– »Das Thema Menschheit ist auch bald durch.«
– »Dieses Buch geht an die Bindegrenze.«
– »Die Antwort auf fast alles: Als unerledigt markieren.«
– »Überraschungen sind möglich. Auch nach unten.«
– »Ich schreib Protokoll, ich hör nicht zu.«
– »Es ist beängstigend wenig zum Weglassen da.«

Alle reden vom Wetter. Wir nicht.

Es schneit. Unbekanntes, unerprobtes Wetterphänomen Schnee. Unsere Zugreise währt nun schon anderthalb Stunden. Wobei »Reise« eigentlich nur die hundert Meter Fußweg vom Messegelände zum Bahnhof Leipzig/Messe bedeutet. Und »Zug« meint seither – haha – vor allem Durchzug. Man steht am Gleis, im Wind, im Schnee, im Angesicht der Unendlichkeit. Letztere offenbart sich auf den Anzeigetafeln am Bahnsteig. Die Informationspolitik der Deutschen Bundesbahn verbindet alle Charakteristika moderner Literatur: Sie ist offen, brüchig, antwortlos. Sie spiegelt die existentielle Unbehaustheit des Einzelnen in einer als unverständlich erlebten Gegenwart. Noch immer, am mittlerweile späten Nachmittag, wird der 9.48-Zug nach München angezeigt, mit insgesamt 392 Minuten Verspätung. Wir würden ihm, wenn er endlich käme, keinen Vorwurf machen, keine Fragen stellen. Das kann ja mal passieren. Wenn er nur käme. Züge werden annonciert, erwartet, wir zählen die Minuten bis zu ihrem Eintreffen herunter, in unserem Kinderglauben an Pünktlichkeit und Präzision. Dann vergeht der jeweilige Moment, ereignislos, wir werden stiller, von einem Fuß auf den anderen springend, um nicht gänzlich auszukühlen, ein anwesender Literaturkritiker holt die zweite Anzugjacke aus dem Koffer, man kann es ihm nicht verdenken. Irgendwann springt die Anzeige kommentarlos weiter, der nächste Zug wird gemeldet, der dann leider auch nicht kommt. Man denkt, weil man auf der Buchmesse war, an Werner Herzogs »Vom Gehen im Eis«, man denkt an Robert Falcon Scotts Weg zum Südpol und sein fatales Ende, man denkt an Pinguine. Bleibt bei mir, Freunde, für Zuspruch, Trost und Unterhaltung. Es wird womöglich ein längerer Nachmittag.

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Endlich beschließen wir, unser Glück auf dem Landwege zu suchen. Im Nahverkehr. Konkret: In der Trambahn No. 16 zum Hauptbahnhof. Bereits die zweite Bahn ist so wenig überfüllt, dass wir gerade noch hineinpassen. Nur die Koffer bleiben zurück. Wie gut die Nähe der Menschen tut – und sei es nur wegen ihrer Körperwärme. Wir stehen dicht gedrängt und träumen davon, dass die Tram einfach weiterfährt bis München.

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Der Waggon ist gut gefüllt, was zumindest den Vorteil mit sich bringt, dass niemand umfallen kann. Vor dem Fenster Schneeflocken, Schrebergärten, erste Polarfüchse ziehen auf der Suche nach Beute durch die Vororte. Ohne Halt fahren wir an den Haltestellen vorüber. An der Straße steht ein Männchen mit halbmeterhoher Pudelmütze, neben ihm im Schnee eine flammendrote 30-Liter-Bhutangasflasche. Man möchte aussteigen, um ein Lagerfeuerchen zu veranstalten. Aber der Wagen, der rollt.

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Am Hauptbahnhof. Mit einem Ploppen öffnen sich die Wagentüren, wir perlen hinaus. Der freundliche Mitarbeiter im Reisezentrum weist darauf hin, dass der nächste Zug bereits vollständig ausgebucht sei. Der übernächste leider ebenfalls. Irgendwann aber werde es wieder Züge geben. Jetzt erst fällt mir auf, dass er aussieht wie Kafkas Türhüter.

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Sagte ich Türhüter? Dabei weiß ich gar nicht, wie der aussieht, man hat von ihm ja nur gelesen. Womöglich stellt sich das Hirn auf Notversorgung um. Der Leipziger Hauptbahnhof dagegen sieht aus wie das Elysium. Lauter herumstreifende Seelen, jenseits von Gut und Böse, mit einem Gesichtsdruck, der nichts mehr will. Rilkes Panther muss so ausgesehen haben.

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Am Gleis. In der Ferne nähern sich die Lichter eines Zuges. Verschwommen, vielleicht von den Schneeflocken, vielleicht von meinen Tränen. Heiße, nicht enden wollende Tränen des Glücks. Ich schäme mich ihrer nicht.

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»Die Abfahrt des Zuges verzögert sich. Wir haben keine Zugbegleiter für diesen Zug. Wir haben, wenn wir ehrlich sind, nicht mal einen Lokführer.«

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Durchsage: Der Lokführer stecke in Erfurt im Schnee fest. »So schnell wird sich hier kein Rad drehen.« Poesie der Not.

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Falls jemand dies liest, der im Besitz eines ICE-Führerscheins ist: Sie wären hier sehr willkommen.

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Wenn man von solchen Erlebnissen in den Zeitungen liest, taucht früher oder später immer das Wort »Gulaschkanone« auf. Hier leider nicht.

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Der Zug fährt an. Der gesamte Großraumwagen kreischt auf wie eine Achterbahnbesatzung bei der Sturzfahrt. Irres Kichern, spontane Verbrüderungen, wir kennen keine Hemmung mehr. Jetzt ist alles möglich.

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Erster Halt. Leipzig/Messe. Schon wieder. Immer noch. Mein Leben ist in einer Schleife gefangen.

 

Im Märzen

»ABER WIR SIND JA NOCH AM LEBEN!«, brüllt die alte Frau vom Balkon zu ihrer Nachbarin hinüber und weil man gerade unter dieser Szene durch den Schnee stapft und die Sonne das Ganze so kalt und schön beleuchtet und man festtagsbedingt ohnehin recht guter Dinge ist, wagt man, die Aussage um einen einordnenden Kommentar zu ergänzen. »ZUM GLÜCK!«, brüllt man also zurück und für ein, zwei Augenblicke bilden die Balkonfrau, ihre Nachbarin und man selbst eine kleine winterliche Momentverschwörung.

Wie es ist

Herausforderungen der Gegenwart: Die Nachricht von den Affen, denen man Witzfilme vorspielt, damit sie sich nicht daran stören, dass ihnen Autoabgase in den Käfig geleitet werden, nicht als Metapher unseres Daseins zu lesen.

Feuer & Zorn

Es hat Zeitungsartikel gegeben. Unzählige Zeitungsartikel mit klugen, scharfen, hilfreichen Analysen. Es gab Talkshows (sehr viele Talkshows) und natürlich eine ganze Reihe Reportagen. Da waren Interviews und Livesendungen, treffende Cartoons, es gab hervorragende Comedynummern und zahlreiche Essays in den Magazinen der Welt. Das Internet hat sich im vergangenen Jahr mit kaum etwas anderem beschäftigt, die sozialen Medien sind voll davon: Tweets, Memes, Gifs. Es hat das alles gegeben. Noch wissen wir nicht, ob der Kaiser diesmal seine Kleider verliert. Aber so nackt war er noch nie. Und was ist der Auslöser?

Ein Buch.