Heulen

Der Hanser Verlag lebt ja in einem dieser eher straffen, stark porschehaltigen Viertel Münchens. Offiziell heißt es Bogenhausen, auch wenn wir es zärtlich Ellbogenhausen nennen. Die Häuser sind von dem Typus, den Georg Büchner mit seiner architektonischen Intervention »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!« im Blick hatte – und zwar mit dem hinteren Teil. Ein schönes Exemplar ist zum Beispiel die Villa nebenan. Adrett und gut gesichert, ein Schmuckstück stiller Zurückhaltung. Wobei es mit der Stille nun nicht mehr weit her ist. Heute Mittag sprangen wir alle auf einmal aus unseren Sesseln, in der naheliegenden Annahme eines atomaren Erstschlags – so jedenfalls hörte es sich in unseren Ohren an. Nach einiger Recherche erwies sich das hochtönende Jaulen jedoch einfach als Äußerung der nachbarlichen Alarmanlage. Die ersten Minuten lang glaubten wir, am Ausbluten unserer Gehörgänge friedlich zu verenden. Dann kam die Polizei und stellte fest, es sei ein sog. »Fehlalarm«. Sie könnten nichts machen, die Bewohner seien außer Haus (zu dieser Zeit des Jahres ist Bogenhausen noch auf der Piste). Das ist jetzt gut drei Stunden her. Das Jaulen hält ohne Unterlass an. Längst ist der erste Schreck aus unseren Gesichtern gewichen, inzwischen lächeln wir schon wieder, wenn wir uns auf dem Flur begegnen – Gespräche aber sind nach wie vor unmöglich. Es ist ein Wunder, dass das Ohr so etwas zu regulieren imstande ist. Wie das Auge beim Eintritt in gleißendes Sonnenlicht schaltet es in einer gewaltigen Selbstreduktion einfach auf Taub, womöglich für immer. Nehmt uns auf in eure Nachtgebete, schreibt Karten – aber ruft nicht an, die Leitungen halten dem Lärm nicht stand.

Walnüsse

Auf die Frage, wie es ihr geht, sagt meine Mutter immer gut. Eben rief ich an und zum ersten Mal seit Jahren zögerte sie dabei. Das sei eine längere Geschichte. 
Ich habe Zeit.
Wahrscheinlich habe sie mir nie von ihm erzählt. Aber es gebe da diesen Nachbarn, mit dem sie auch im Tanzkurz sei. Er sei schon etwas älter. Und er habe halt diese besondere Leidenschaft.
Welche Leidenschaft?
Da müsse sie etwas ausholen. Und dann erzählt sie, dass er Walnüsse zum Keimen bringt. Mit den Setzlingen ziehe er los und pflanze sie ein. Am Fluss, im Park, am See. Letztes Jahr seien es fünfundzwanzig gewesen und dieses Jahr noch einmal fünfundzwanzig. 
Was für eine schöne Leidenschaft, sage ich. 
Nur sei es in diesem Sommer so trocken gewesen, dass die Walnussbäumchen kaum überlebten. Deshalb sei er immer los, mit Wasserflaschen im Fahrradkorb, und habe sie gegossen. Fünfundzwanzig am einen Tag, fünfundzwanzig am anderen. Jeden Abend ein paar Stunden. Seit einer Weile habe sie ihn begleitet. Inzwischen kenne sie die Wege schon auswendig.
Und warum wolltest du nicht sagen, wie es dir geht?
Jetzt habe die Tanzlehrerin angerufen, ob sie mal in seiner Wohnung nach ihm schauen könne, er gehe nicht ans Telefon. Sie habe nachgeschaut und ihn gefunden. Und jetzt sei sie traurig. 
Aber, sagt sie, immerhin hat er jetzt fünfzig Trauerbäume, an denen man an ihn denken kann. Und die man weiter gießen muss. Und eines Tages werden sie Walnüsse tragen.

Am Ziel

Beim Kaukasischen Riesenslalom konnte ich in der Kategorie »Zu Fuß/Bergauf« bei sehr überschaubarem Teilnehmerfeld einen vorderen Platz erzielen. Große Dankbarkeit.

Kaukasus

Im Schlaf

Falls jemand was sucht: Im Traum war ich am Ortsrand, hinter den letzten Hochhäusern. Am Rand der Bus-Wendeschleife, wo der Boden schon sandig wird, ist ein kleines Erdloch. Darin liegen sämtliche Papiere, die man kurz weggelegt hatte und die dann nicht mehr auffindbar waren. Außerdem alle Ausdrucke, die plötzlich nicht mehr im Druckerfach lagen. Macht euch also keine Sorgen, es ist alles noch da. Teilweise sogar ganz gut lesbar.

Sternstunden der Korrespondenz-Kultur

Was für ein vollmundiger Briefeinstieg:
»Ganz im Sinne Ciceros – besser hätten wir es auch nicht formulieren können: ›Wenn Sie sonst nichts leisten, kaufen Sie wenigstens ein Buch‹ – verstehen wir uns als Literatur- und Kultur-Vermittler.«

Stutzen. Und das hat Cicero gesagt, der alte Schlingel? Wie sich herausstellt, enthält der Satz im Original sogar ein Wort mehr: »Wenn Sie SICH sonst nichts leisten, kaufen Sie wenigstens ein Buch.« Und er stammt auch nicht von Cicero, sondern von Diogenes. Und zwar vom gleichnamigen Verlag, der ihn auf eine Werbepostkarte druckte.

Omen

Beim nächtlichen Wachliegen über das Wort »oblivion« nachdenken, vollkommen berückt von seiner Schönheit. Wie schade nur, dass mir entfallen ist, was es bedeutet. Morgens beim Nachschlagen realisieren, dass ich es schon tausendmal nachgeschlagen habe und jedes Mal aufs Neue entzückt bin: Vergessenheit.

Nomen II

The woman in the bakery asks my name for the order. 
– Jo. 
– Funny name. How do I spell that?
– J. O. 
– What’s your full name? 
– Johannes 
– Wow. Sounds like Your Heighness.

Nomen

When people ask how to pronounce my name: It’s Lendle as in Relentless.

Wilhelm Genazino

»Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze« – so heißt der Roman, der nun sein letzter geblieben ist. Und erst jetzt begreift man ganz, wie traurig, wie einfach und wie genau diese dreieinige Abwesenheit auch den Tod zusammenfasst. Wilhelm Genazino ging durch die Welt wie die Erzähler seiner Bücher: als erstaunter Spaziergänger. Als alle glaubten, das Zeitalter der Flaneure sei vorbei, hob er den Staffelstab auf und trug ihn weiter, durch Frankfurt, durch die Welt: Ein Chronist der Tatsächlichkeit. Von den Anfängen in der Redaktion der Pardon über den schriftstellerischen Auftakt mit der Abschaffel-Trilogie bis zum letzten Roman war sein Blick auf die Welt immer frei von Schonung. Und getränkt von einem Witz, über den nur er verfügte. Der Genazinosche Witz ist das Wasserzeichen, er stiftet die Verwandtschaft seiner Bücher und macht sie unnachahmlich. Knochentrocken ist der Begriff, den unsere Sprache für solch einen Witz bereithält, ein seltsames Wort, in diesem Fall ein seltsam passendes. Die Knochen stecken als Bild des Alterns und der Möglichkeit des Todes tatsächlich in jedem seiner Bücher. Einer der letzten Sätze des letzten Romans lautet: »Dann wachte ich früh morgens auf und die Angst vor dem vor der Tür wartenden Tod war das erste und einzige, was sich in mir noch regte. Ich konnte es nicht mehr hören, wenn meine Hausärztin zu mir sagte: Sie haben nichts, Sie sind gesund. Eigentlich hätte ich darauf antworten sollen: Und warum habe ich dann so oft Angst vor dem Tod? Diese Angst ist doch auch eine Krankheit oder nicht?«

Vielleicht bildet diese Angst den Grund dafür, dass seine Figuren sich so oft ins körperliche Vergnügen retten, als läge darin ein Trost. Mit der unauslöschlichen Sehnsucht nach Begegnung fallen sie übereinander her, mit fast tierischer Selbstverständlichkeit, aber in der Art eines Tieres, das zu viel über sich weiß.  
Es gab, je länger Wilhelm Genazino schrieb, ein erfreuliches Altersparadox in seinem Werk. Die Erzähler blieben »mittleren Alters«, fielen aber allmählich immer weiter aus der Welt heraus, wirkten älter, als sie zu sein vorgaben. Zugleich wurden sie innerlich immer noch staunender, noch verblüffter. Im jüngsten Roman heißt es: »Ich war froh, dass der Sommer bald vorüber war. Auch ich war schon fast alt, aber mein Blick schien jung geblieben. Nach wie vor spürte ich jede Aufreizung, die als Schauer durch meinen Körper huschte. Im Radio kündigte eine Sprecherin ›lebensbejahende Musik‹ von Mozart an.« Und so weiter: Wenn man sich ein Buch von Genazino greift, um einen Satz daraus vorzulesen, hört man so schnell nicht wieder auf. Sein Werk lebt von der Kraft dieser einzelnen, schonungslos zutreffenden Sätze.

Am Mittwoch ist Wilhelm Genazino gestorben. In »Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze« heißt es: »Und doch begann ich, mich herauszuputzen, damit ich auf den Tod einen guten Eindruck machte.« Wenn Wilhelm Genazino auf den Tod einen solchen Eindruck macht wie er auf uns Mitlebende gemacht hat, ist mir um ihn nicht bange. Zum 75. Geburtstag in diesem Januar rief ich ihn an, und er erzählte, gerade sei das Paket mit den Belegexemplaren des neuen Romans eingetroffen, er habe es aufgerissen: »Ich war ganz verliebt in mein eigenes Buch. Ich habe es gelesen, als hätte ich es nicht geschrieben.« So lesen wir ihn alle, aus seltsamer Ferne verliebt, so lesen wir ihn weiter.

(Mein Nachruf in der heutigen FAZ)

In time

Was auch mal gesagt werden muss: Unsere Züge sind immer wieder auch ziemlich pünktlich. Im November bin ich sechseinhalbtausend Kilometer mit der Deutschen Bahn gefahren. Das entspricht der Strecke zum Mittelpunkt der Erde. Und zwar nahezu ohne jede nennenswerte Verspätung. Und jetzt? Hier sitze ich zwischen schmelzendem Gestein, dampfendem Magma und rotwangigen Kobolden und weiß mit der ganzen schönen Pünktlichkeit nichts anzufangen.