Wilhelm Genazino

„Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ – so heißt der Roman, der nun sein letzter geblieben ist. Und erst jetzt begreift man ganz, wie traurig, wie einfach und wie genau diese dreieinige Abwesenheit auch den Tod zusammenfasst. Wilhelm Genazino ging durch die Welt wie die Erzähler seiner Bücher: als erstaunter Spaziergänger. Als alle glaubten, das Zeitalter der Flaneure sei vorbei, hob er den Staffelstab auf und trug ihn weiter, durch Frankfurt, durch die Welt: Ein Chronist der Tatsächlichkeit. Von den Anfängen in der Redaktion der Pardon über den schriftstellerischen Auftakt mit der Abschaffel-Trilogie bis zum letzten Roman war sein Blick auf die Welt immer frei von Schonung. Und getränkt von einem Witz, über den nur er verfügte. Der Genazinosche Witz ist das Wasserzeichen, er stiftet die Verwandtschaft seiner Bücher und macht sie unnachahmlich. Knochentrocken ist der Begriff, den unsere Sprache für solch einen Witz bereithält, ein seltsames Wort, in diesem Fall ein seltsam passendes. Die Knochen stecken als Bild des Alterns und der Möglichkeit des Todes tatsächlich in jedem seiner Bücher. Einer der letzten Sätze des letzten Romans lautet: „Dann wachte ich früh morgens auf und die Angst vor dem vor der Tür wartenden Tod war das erste und einzige, was sich in mir noch regte. Ich konnte es nicht mehr hören, wenn meine Hausärztin zu mir sagte: Sie haben nichts, Sie sind gesund. Eigentlich hätte ich darauf antworten sollen: Und warum habe ich dann so oft Angst vor dem Tod? Diese Angst ist doch auch eine Krankheit oder nicht?“

Vielleicht bildet diese Angst den Grund dafür, dass seine Figuren sich so oft ins körperliche Vergnügen retten, als läge darin ein Trost. Mit der unauslöschlichen Sehnsucht nach Begegnung fallen sie übereinander her, mit fast tierischer Selbstverständlichkeit, aber in der Art eines Tieres, das zu viel über sich weiß.  
Es gab, je länger Wilhelm Genazino schrieb, ein erfreuliches Altersparadox in seinem Werk. Die Erzähler blieben „mittleren Alters“, fielen aber allmählich immer weiter aus der Welt heraus, wirkten älter, als sie zu sein vorgaben. Zugleich wurden sie innerlich immer noch staunender, noch verblüffter. Im jüngsten Roman heißt es: „Ich war froh, dass der Sommer bald vorüber war. Auch ich war schon fast alt, aber mein Blick schien jung geblieben. Nach wie vor spürte ich jede Aufreizung, die als Schauer durch meinen Körper huschte. Im Radio kündigte eine Sprecherin ‚lebensbejahende Musik’ von Mozart an.“ Und so weiter: Wenn man sich ein Buch von Genazino greift, um einen Satz daraus vorzulesen, hört man so schnell nicht wieder auf. Sein Werk lebt von der Kraft dieser einzelnen, schonungslos zutreffenden Sätze.

Am Mittwoch ist Wilhelm Genazino gestorben. In „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ heißt es: „Und doch begann ich, mich herauszuputzen, damit ich auf den Tod einen guten Eindruck machte.“ Wenn Wilhelm Genazino auf den Tod einen solchen Eindruck macht wie er auf uns Mitlebende gemacht hat, ist mir um ihn nicht bange. Zum 75. Geburtstag in diesem Januar rief ich ihn an, und er erzählte, gerade sei das Paket mit den Belegexemplaren des neuen Romans eingetroffen, er habe es aufgerissen: „Ich war ganz verliebt in mein eigenes Buch. Ich habe es gelesen, als hätte ich es nicht geschrieben.“ So lesen wir ihn alle, aus seltsamer Ferne verliebt, so lesen wir ihn weiter.

(Mein Nachruf in der heutigen FAZ)