Segen und Fluch des Schriftstellens

Gestern kam die Nachricht, meine gute alte Kosmonautin werde ins Usbekische übersetzt. Heilandzack, ins Usbekische. Helle Freude. Die komplette Lizenzsumme von pauschal €48 allerdings war nach wenigen Minuten Glückstaumel mit einer Runde Kaltgetränke und etwas Knabberei schon wieder verflogen. Liebe Usbeken, bitte vergütet etwaige Nachauflagen in Naturalien: Halva, Borschtsch, Schampanski, vergorene Ziegenmilch – alles recht.

Mein schönstes Ferienerlebnis


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Am Ostermontag natürlich nach Meran, zum Saisonauftakt. Wohin sonst. Im Ippodromo gibt es das alljährliche »Haflinger Galopprennen«. Als wir eintreffen, sind die Tribünen bereits belebt, die Rennbahn strahlend grün unter den schneebedeckten Gipfeln der Texelgruppe. In der Luft ein Hauch von Frühling und Fettgebackenem. Selbstverständlich tragen wir alle Hut, einer breitkrempiger als der andere. Wir kommen gerade rechtzeitig zum ersten Vorlauf »Ältere Stuten«, den die achtjährige Pepita aus Mölten für sich entscheidet. Um keine Leere entstehen zu lassen, gibt es in den Rennpausen Brauchtum. Jetzt zum Beispiel zeigen die Etschtaler Peitschenknaller, wie man im Etschtal Peitschen knallt. Sie schwingen die langen Lederriemen durch das Frühjahr, es muss mühsam sein, ihre Gesichter glänzen von Anstrengung und Glück. Wenn sie die Peitschen gemeinsam knallen lassen, klingt es wie ein einziger Knall.

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Vor dem nächsten Start sind wir bei den Quotenmachern in den Katakomben, denn was sind Pferde ohne Pferdewette. Wir streuen unseren Einsatz etwas unentschieden unter diversen Namen, die Großen setzen vor allem auf Nora aus dem Sarntal, die am Getränkestand als Favoritin gehandelt wird, die Kinder auf Orpine mit der geflochtenen Mähne. Der Start, das Jagen, die gestreckten Leiber. Orpine wird zweite, Nora quält sich als Fünfte ins Ziel, mit irren Augen, die anderen landen dahinter, wir verlieren alles. Erst einmal Platz nehmen auf der Tribüne. Durchatmen. Konzentration. Fokus. Entschiedenheit.

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Im nächsten Rennen setzen wir alles auf ein einziges Tier. Sie heißt Ozone und ist schön, sie besticht uns durch ihr bebendes, vibrierendes Dasein. Außerdem hieß ihr Vater Winnetou und im Sattel sitzt mit hellgrünem Helm die Erschbamer Kathrin. Die beiden haben hier bereits zweimal gesiegt, Ostern 2014 und noch einmal bei der Regenschlacht im vergangenen März. Es ist nicht so, als wären wir nicht nervös, als der Startschuss fällt. Wie schön die Haflinger sind, keine klassischen Rennpferde, aber eine Farbe wie süditalienische Hauswände. Wie Tiramisu. Wie Laminat. Ozone ist nicht zu halten, sie siegt unerreichbar.

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Ist’s Rausch, ist’s Wagnis, ist’s Übermut? Wir setzen den kompletten Gewinn auf T-Amo. Schöner Name für ein Pferd. Aus Kastelruth, im Sattel diesmal die Gasslitter Patrizia, leicht zu erkennen an ihrem malvenfarbenen Helm.
Die Pferde machen sich auf den Weg, es sind jetzt alles Vierjährige. Und weil der ganze Jahrgang mit T beginnt, jagen nun auch Tutti, Trixi, Twety, Tara und ein paar weitere Zeitgenossen um den Sieg, es ist nicht leicht auseinanderzuhalten, am besten hält man sich an die Farbe der Helme. Von T-Amo und ihrer malvenfarbenen Reiterin allerdings ist nach der ersten Kurve keine Rede mehr. Im langgezogenen Ostbogen aber holt sie auf, durch die Gläser ist deutlich zu erkennen, wie sich ein malvenfarbener Fleck aus dem Pulk löst und größer wird, und wer in diesem Moment nicht glaubt, in der Ferne eine Malvenknospe erblühen zu sehen, hat niemals eine lebende Seele besessen. T-Amo kämpft, tobt – und schließt endlich zur Führungsgruppe auf, zu Tutti, Turri und Tooley. Es ist nun ein klassisches Kopf an Kopf, eine einzige geschlossene Wand aus vier Pferden biegt auf die Zielgerade ein, die Jockeys hoppeln im Sattel, ihre Schenkel touchieren einander, ebenso die Flanken ihrer Pferde, alles bebt und schäumt, Gras und Sand und Speichel. Die gesamte Tribüne steht, schreit und springt, als sich die Meute der Zielgeraden nähert. Wer nennt die Namen, wer singt die Lieder, wer könnte das alles überhaupt auseinanderhalten ohne die Helme. Wie eine einzige, einige Quadriga überquert die Gruppe die Linie, am Ende muss das Zielfoto entscheiden – und kürt den Richtigen. T-Amo, wir lieben dich, du fleischgewordener Traum der Rennbahn, pferdefleischgewordene Heldin Südtirols. »So sehen Sieger aus«, dichtet der Stadionsprecher, und wir könnten uns in dem Moment keinen Vers ausmalen, der wahrer wäre, schöner und guter.

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Vielleicht ist dies der Augenblick, als die Unvernunft endgültig mit uns durchgeht, als wir uns sicher wähnen. Sicherer, als Menschen je sein können, sicherer noch als Götter. Natürlich wissen wir von der Favoritin für den nächsten Lauf, The Beauty. Ja, DIE The Beauty. Jenes Pferd, das seine Besitzer einfach Beauty taufen wollten, aber es war eben der T-Jahrgang, siehe oben. Der Stadionsprecher redet sich in einen Rausch hinein, als er ihre bisherigen Erfolge aufzählt, und es wird nicht besser dadurch, dass er sie beständig Tee Buuti nennt. Wenn das nicht irgendwann in Hass umschlägt, weiß ich auch nicht.

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Aber Beauty kann jeder. Wir sind die, die T-Amo zum Sieg getragen haben, zum Sieg gesungen, zum Sieg gekeucht. Wir setzen alles auf Tornado, das ganze blöde Geld. Ein Name wie ein Programm. Klar, am Getränkstand munkeln sie über ihn. Delikater Charakter, delikate Provenienz. Aber immerhin Charakter, immerhin Provenienz. Wer von uns könnte das von sich behaupten, Hüte hin oder her. Tornado lässt sich krönen vom Tschigg Manfred, den wiederum krönt ein bordeauxfarbener Helm, und wie dieser nun in der allmählich schon spätnachmittäglichen Sonne funkelt, kommen einem fast ein wenig die Tränen vor Rührung und Stolz und Zuversicht. Strahlendes Bordeaux, Farbe der Könige, der Päpste, der Mondraketen.
Um ehrlich zu sein, kneifen wir mit dem Startschuss alle die Augen zusammen, nicht nur wegen der allmählich tiefer stehenden Sonne, sondern auch, weil auf der Unterseite der Zuversicht ja immer schon die Sorge gedeiht wie ein hartnäckig wuchernder Schimmelpilz.
Als wir die Augen wieder öffnen, ist das Dilemma bereits recht offenkundig, da braucht es keinen Stadionsprecher. Schon am Ausgang der ersten Kurve muss man kein Glas mehr bemühen: The Beauty führt mit mehreren Längen, ohne jede Anstrengung. Joan Baez sang über ein ähnlich gelagertes Pferd einmal: »And way out yonder, ahead of them all, came a-prancing and a-dancing my noble Stewball« und hätte damit auch in unserem Fall die richtigen Worte gefunden. Hinter ihr im Dunst, längst abgeschlagen, folgt der ganze Rest vom Schützenfest, einschließlich eines winzigen bordeauxroten Hütchens, das nun gänzlich trostlos aussieht. Es endet, wie es enden muss.

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Sonst passiert nicht mehr viel. Beim nächsten Rennen wirft die dreijährige Ulisse an der 200-Meter-Marke ihren Reiter Manfred ab, einschließlich seiner rostroten Haube. DJ Unbekannt spielt »It’s raining men«. Junge Mädchen streicheln abseits der Rennbahn den abgekämpften Tieren ihre Flanken, verschwitzt vom Striegeln, die Blicke leer von Sehnsucht. Wir setzen die Hüte ab, unsere letzten Münzen gehen für Kaffee und Fettgebackenes weg. Anschließend blank nach Hause, wohin sonst. Blank, nicht hellgrün, nicht schnee, nicht malve, nicht rost, schon gar nicht bordeaux. Nein, blank, natürlich blank, in der einzig ehrlichen Farbe des Nachmittags. Wie sonst.

 

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Mensch, Maschine

Das Problem ist nicht, dass einem ab und zu das Telefon aus der Hosentasche rutscht. Sondern dass es diesmal auf dem Balkon passiert ist. Und eigentlich war auch nicht der Balkon das Problem, sondern diese eine Ritze, gerade breit genug, dass theoretisch ein Telefon hindurchpassen könnte. Ein Teil des Problems war dann sicherlich der Übergang vom Konjunktiv zum Indikativ. Die vier Meter bis zum gepflasterten Innenhof wiederum waren weniger das Problem, erst der Innenhof selbst bzw. seine Pflasterung. Und das Problem war nicht einmal, dass das Telefon einfach kaputt gewesen wäre. Kaputt ist nur das Glas (das allerdings sehr). Das Problem ist auch nicht das mittlerweile besorgte neue Telefon, sondern die schlimme Zwei-Faktor-Authentifizierung, um an die alten Daten wieder ranzukommen. Denn hinter seinem Schleier aus Scherben zeigt das alte Telefon erstaunlicherweise noch an, dass es den Code zum Entsperren bekommt. Er lässt sich nur nicht mehr abrufen, da kann man die Splitter drücken, wie man will. Ein Teil des Problems ist womöglich, dass man in diesem seltsamen Ausdruck Zwei-Faktor-Authentifizierung das Wörtchen Zwei zu ernst genommen hat. Viel zu ernst. Hätte man mehr vertrauenswürdige Telefonnummern angegeben (eine andere zum Beispiel, oder drei, vier, fünf), könnte man jetzt auf weitere Geräte zugreifen, weniger zersplitterte. Das Problem ist vielleicht diese – vom heutigen Standpunkt aus übertrieben wirkende – Vorsicht vor Datenherausgabe. Man wünschte sich, mehr Daten herausgegeben zu haben, viele vertrauenswürdige Telefonnummern, mit offenen Armen verteilt. Stattdessen musste man jetzt die sogenannte Account-Wiederherstellung beantragen, und seit einigen Tagen melden sie, diese werde »derzeit bearbeitet«. Die Wiederherstellung werde »einige Tage« dauern. Du fragst dich allmählich, wieviel das eigentlich genau ist, »einige«. Anfangs hattest du an zwei gedacht. Zwei, wie in Zwei-Faktor-Authentifizierung. Wie einem am Morgen des dritten Tages dann langsam dämmert, dass es wohl eher drei werden. Was sich dann auch als falsch erweist. Leider kann man niemanden anrufen. Würde man bei einem Dutzend für gewöhnlich noch von »einige« sprechen? Wahrscheinlich haben die Automaten, die sich jetzt darum kümmern, einfach ein anderes Zeitgefühl, sie sind ja auch gut damit beschäftigt, auszurechnen, wer du wirklich bist. Beim Warten spürst du ganz sacht das beständige Rattern der Algorithmen, seit Tagen schon, seit »einigen Tagen«, um genau zu sein. Wie sie unaufhörlich Rechenoperationen ausführen, um die Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, dass es sich bei dir um dich selbst handelt. Daher dieses leise Britzeln in der Atmosphäre. Sie rechnen und rechnen. Ich wünsche ihnen Glück dabei, hoffentlich finden sie am Ende die richtige Lösung.
Eigentlich schreibe ich dies nur für den Fall, dass hier Geräte mitlesen. Liebe Maschinen, falls eine von euch das hier sieht, könntet ihr in einer Rechenpause drüben in Cupertino ein gutes Wort für mich einlegen? Oder »einige«? Vielleicht hören sie auf euch. Danke.

Der Verlag als soziales Gefüge. Eine Studie am Beispiel Kaffee

Das Kaffeejahr geht zu Ende. Die Mitarbeiterinnen der Inlandslizenzen erinnern die Presseabteilung daran, dass sie ab der Buchmesse turnusmäßig für Reinigung und Pflege der Kaffeemaschine im ersten Stock zuständig sind.
Murren. »Von uns trinkt überhaupt keiner mehr Nespresso.« Tuscheln auf dem Flur: »Warum putzen nicht die, die das Ding auch benutzen?« Das Thema Kaffee bekommt eine grundsätzliche Note. Die Volontärin der Auslandslizenzen schreibt eine Nachricht ans ganze Haus: Wie könne ein Verlag, der Bücher zur Nachhaltigkeit im Programm hat, überhaupt Kaffeekapseln verwenden?

Erste Sondersitzungen. Ein Gefühl der Erregung breitet sich aus. Die Projektsteuerung bietet an, die anderen Abteilungen bei der Pflege der Kaffeemaschine zu unterstützen. Einspruch: Darum gehe es doch nicht. Niemand will den Anschein erwecken, auf persönliche Vorteile aus zu sein, wenn das eigentliche Ziel doch sei, einem Unrecht Einhalt zu gebieten. Wortgefechte. Endlich findet sich ein Kompromiss: Die gebrauchten Kapseln werden gesammelt, man will den Hausmeister bitten, sie zum Wertstoffhof zu bringen.
Der Verleger fragt nach: Haben die Buchvertreter dem Verlag nicht gerade eine nagelneue Barista-Anlage geschenkt? Steht im Erdgeschoss – dreizehn bar effektiver Brühdruck. Eine regelrechte Koffein-Druckstraße. Letzte Woche ist extra der Außendienst angereist, um den Kolleginnen im Haus feierlich die Handgriffe zu erklären. Könnte dort nicht das ganze Haus seinen Kaffee …?
Der Vertrieb weist den Vorschlag entrüstet von sich. Das sei ein Geschenk an den Innendienst gewesen, die anderen Abteilungen hätten damit überhaupt nichts zu tun. Die Maschine sei für so viele Nutzer auch gar nicht ausgelegt. Außerdem, wendet der Empfang ein, dauere es damit viel zu lange, größere Besuchsgruppen zu versorgen.
Erste Zusammenrottungen in der Werbung. Die Veranstaltungsabteilung entstaubt die alte French-Press-Kanne. Man tue gut daran, sich autark zu machen. Die Zeit der Kompromisse sei vorbei.
Währenddessen tagt zwei Stockwerke weiter unten der Vertrieb. Die neue Barista-Anlage ist so empfindlich, dass das Mahlwerk verklebt. Am besten verwende man immer die gleiche Kaffeeart. Unter den Kolleginnen bricht offener Streit über die Bohnensorte aus. Das Keyaccount wünscht Qualität, die Auszubildenden können sich Qualität nicht leisten. Erhitzte Debatten. Die Entscheidung wird ergebnislos vertagt.
»Und was«, wendet der Artdirector ein, »ist mit dem Kalk?«
»Welcher Kalk?«, fragen die Gebietsbetreuerinnen.
»Im Leitungswasser«, entgegnet der Artdirector. Das sei hier so kalkhaltig, dass die sensible Maschine sofort verstopft. »Alles andere als entmineralisiertes Wasser ist unvorstellbar.« Am besten Volvic, er habe damit gute Erfahrungen gemacht.
Artdirectoren kennen sich mit so etwas aus.

»Plastikflaschen!« Der Schrei der Volontärin Auslandslizenzen ist bis ins Erdgeschoss zu hören. Da könne man ja ebenso gut wieder Kapseln verwenden. Das Controlling weist leise darauf hin, dass im Zuge des Verlagsumbaus im Keller eine Entkalkungsmaschine eingebaut worden sei. »Und zwar«, ergänzt es flüsternd, »für ziemlich viel Geld.« Seitdem sei überhaupt kein Kalk mehr im Trinkwasser. Der Verleger bestellt Teststreifen, um zu prüfen, ob auf die Volvicflaschen verzichtet werden kann.
Außerdem, fährt das Controlling fort, sei das mit dem Geschenk so eine Sache. Die Vertreter hätten da zwar eine hübsche Idee gehabt und zusammengelegt. Der Verlag habe dann aber heimlich noch was dazugetan, damit es für das gewünschte Modell reichte.
Das Online-Marketing erinnert daran, dass ja auch Vinyl wieder im Kommen sei. Die Zukunft gehöre dem Retro. »Anständige Hipster trinken inzwischen nur noch Aufguss.« Ob wir nicht alle auf Filterkaffee umsteigen sollten. Auf keinen Fall, wendet die Kinderbuchpresse ein: »Ohne meine zimtfarbene Crema kann ich nicht leben.«

An den Bürotüren des Sachbuchlektorats hängen mittlerweile handgeschriebene Plakate, die an die Kolonialgeschichte der Kaffeeplantagen erinnern: KAFFEE IST FLÜSSIGE UNTERDRÜCKUNG! Die Herstellung stellt komplett auf Früchtetee um.
Unablässig treffen von den Vertretern Updates zum idealen Fettgehalt der Milch ein, zur Eindringtiefe des Milchschäumers, zum pH-Wert der verwendeten Reinigungsmittel. Erste Mitarbeiter äußern den Verdacht, die Vertreter verstünden unter Kultur vornehmlich Kaffeekultur.

Notiz vom Hausmeister: Die Entsorgung gebrauchter Nespressokapseln lehne er ab. Er habe sich erkundigt: Vor dem Recyceln müssten die leeren Kapseln erst gesäubert werden. Wer das denn bitteschön übernehmen soll. Ohnehin sei das in puncto Umwelt und Aufwand unverhältnismäßig. Und die Buchhaltung habe ihm eine Studie gezeigt, nach der das Zusammenspiel von Metall und Säure in den Kapseln für die Entstehung von Alzheimer verantwortlich gemacht wird. Der Verleger wünscht im Stillen dem kompletten Haus einen reinigenden Kurzzeit-Alzheimer, um die ganze Sache zu vergessen.

Frühjahrsvorsatz: In Zukunft einfach heißes Wasser trinken. Ist ohnehin bekömmlicher.

The American century: Fortyfive to Fortyfifth

Worauf ich mich jetzt schon freue: Wenn das alles einmal vorbei sein wird und im Rückblick einfach den Startschuss zu einer Bewegung gebildet hat, in der wir irgendwann doch noch begreifen, dass Verantwortung und Vernunft und Toleranz recht anständige Tugenden sind, so dass die ganze Sache im Nachhinein auf verblüffende Weise zu etwas gut war – wenn dann aus irgendeinem Loch der letzte übriggebliebene Verschwörungstheoriker flüstert: Cui bono, das war doch ein abgekartetes Spiel und Trump nur ein perfider Trick, ein Strohmann der Aufklärung, die sich anders nicht mehr zu helfen wusste.

(Man darf ja mal träumen.)

Dem ablaufenden Jahr ins Gästebuch geschrieben

Liebes 2016,

entgegen einer weitverbreiteten Einschätzung war dein Problem nicht, dass ein paar verdiente Helden gestorben sind. Dein Problem war, dass Beschränktheit & Aggression schick geworden sind. Furor war die Modefarbe der Saison.

Das hat viele kalt erwischt. Man ist auf dem Toleranz-Ohr ja ziemlich ansprechbar. Was sich an Diskussionen entspann, hat manchem argumentativ ein wenig die Frisur verstrubbelt. Es ist Zeit, sich zu sammeln. Es wäre, so viel sei dir, liebes 2017, schon verraten, schön, das nicht noch einmal erleben zu müssen.
Stattdessen:
– Die »Man wird das doch noch sagen dürfen«-Masche ist vorbei. Kann man sagen. Bleibt aber falsch.
– Ebenso hat sich die Vorstellung einer Filterblase als falsch erwiesen. Ich bin niemals so vielen fremden, befremdenden Meinungen begegnet wie in diesem Jahr. Das war bisweilen anregend und oft aufregend. Ein Teil des ganzen Hasses ist schlicht der Tatsache geschuldet, dass heute der Speichel sichtbar wird, der früher auf dem heimischen Sofa eintrocknete.
– Es ist keine Schwäche, verständnisvoll zu sein. Verständnis bedeutet nicht, sich auf die Zunge zu beißen. Nur eines ist noch anstrengender, als andere zu verstehen: sich selbst in Frage zu stellen.
– Das beste Mittel, um Wahrheitsfindung zu befördern und seine Urteilskraft zu stärken: Ein Zeitungsabo abschließen. Print, wegen der herrlichen Ruhe, die es ins Denken bringt. Gute Zeitungen sind, umlaufenden Beschimpfungen zum Trotz, ein verblüffend wirksames Mittel, die eigene Meinung zu bilden. Kombivorteil: Demokratie gibt’s gratis dazu. Wer ausreichend versorgt ist, verschenke Abonnements. Für Neffen und Nichten gibt es kein besseres Weihnachtsgeschenk.
– Und schließlich: Lassen wir die alten Leute in Frieden sterben. Erinnern wir uns an sie, lesen wir ihre Bücher, hören wir ihre Musik. Aber kreiden wir es dem Jahr nicht an, es kann nichts dafür. 

Auf ein Neues.

Luftraum Koblenz

War in früheren Jahren das Zubettgehen eine regelrechte Zeremonie gewesen, so ging es mittlerweile nur noch darum, so rasch wie möglich in den Schlaf zu finden.

 Koblenz

Evolution

Telefon runtergefallen. Kennt jeder. Was sie einem nicht sagen: Hinter dem gesprungenen Glas bildet sich ein Fleck, dessen langsames Ausgreifen die Naturgeschichte der Tierwelt nachzeichnet – anfangs sah es aus wie ein Einzeller, dann wie eine Amöbe, am dritten Tag wurde er zum Schwamm, bald darauf bildeten sich Wirbel, Kiemen, Schwimmflossen. Heute morgen zeigte sich deutlich ein Kaiserpinguin. Gerade wird es zu einer Art Papageientaucher. Wo soll das alles nur enden?

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Aichinger

Ende der 90er, Buchmesse Leipzig, ein Mittwochabend mit leichtem Regen. Beim Streifen durch die Innenstadt lese ich auf einem Plakat, dass gleich Ilse Aichinger liest. Ich war stillschweigend davon ausgegangen, sie sei längst tot, und sitze auf einmal vor dem Lächeln dieser kleinen, strahlenden Frau. Ich hatte mit ihren »Schlechten Wörtern« lesen gelernt, wann immer ich Literatur unterrichtete, mussten die Studenten so lange Aichinger lesen, bis sie verstanden, was der Witz von all dem ist, von der Sprache, vom Schreiben.
Jetzt ist sie fünfundneunzigjährig wirklich gestorben. Ich mache – mit Dank – einen Knicks.

Zeitumstellung

Früher wachte man auf und stellte die Uhr um. Heute schwant dir, sie könnte das bereits selbst erledigt haben. Also erst einmal sämtliche verfügbaren Uhren zusammentragen, um einen Überblick zu bekommen, ein Meinungsbild, einen Mittelwert. Zeit ist nur noch im Rudel denkbar.

Frisch

Und dann ist man zu Verlagsbesuchen in New York, reißt das frisch aus der Reinigung geholte Paket mit den weißen Hemden auf und steht im funkelnden Regenbogenlicht einiger Damenblusen. Jetzt heißt es mutig sein.

Reinigung

Unterkunft

Weißt du, Berlin, wenn man nach einem Tag voller Agenturvisiten, Bewerbungsgespräche, Hitzewallungen, Autorenlunches, Bundeskanzlerinnen, Preisverleihungen und Galadiners bei Nacht sein wohlverdientes Hotel erreicht, um kurz die Beine hochzulegen, und der eigenwillige Herr an der Rezeption legt die ihm ausgehändigte Buchungsbestätigung zur Seite, wühlt eine Weile in seinem Monitor, schaut dann langsam auf und sagt die unsterblichen Worte »Es gibt Sie nicht« und beschreibt damit genau, wie gespenstisch man sich tatsächlich gerade fühlt, so dass einen unversehens der Wunsch überkommt, ein bisschen an seiner Schulter zu weinen, als er fortfährt: »Trifft sich gut, wir haben ohnehin nichts mehr frei«, worauf man mit brüchiger Stimme vorschlägt, einfach so lange die Luft anzuhalten, bis sich in irgendeinem Keller ein Lager findet, und das nächste, woran man sich erinnert, ist der Rücksitz eines Autos, das einen in namenlose Vororte fährt, wo sie einem zur Wiedergutmachung eine Suite von Größe und Ausstattung eines kleinen Dorfes überlassen, dabei will man einfach nur für eine Handvoll lammfrommer Stunden endlich etwas Ruhe, dann, Berlin, weißt du, hat man schon wieder fast ein klein wenig genug von dir.

Stille Post

Ein halbes Jahrhundert, nachdem der Hanser Verlag seinen Büchern diese Postkarten beilegte, trifft jetzt eine Rücksendung aus Australien ein. Leider hat sich der Absender in all der Zeit nicht entscheiden können.

Australien