Mailand. Zeichen

Die Stewardess verneint meine Frage, ob womöglich Nähzeug an Bord sei. Ich erkläre, das Etikett meiner Krawatte habe sich gelöst, ich sei auf dem Weg zu einer Trauerfeier und wolle zu Ehren des Toten nicht mit baumelndem Etikett herumlaufen. Sie fragt, wer denn gestorben sei. Dann holt sie ihre eigene Handtasche, kramt darin und findet tatsächlich Nadel und Faden.

Der Motorrad-Pizzabote an der Via Boccaccio, wie er beim Warten an der Ampel gedankenverloren seine Transportbox streichelt. 

In der Pasticcheria Piazzale Cadorna kostet die heiße Schokolade sechs Euro, dafür lobt die Bedienung überschwänglich mein Parfum, obwohl ich gar keines habe.

Auf dem Weg zum altehrwürdigen Castello Sforzesco an einem Eco Store vorbeilaufen, es gibt dort Tintenstrahlpatronen. Über dem Tor zur Burg prangt das Reiterrelief für Humberto Primo.

Die Bürger der Stadt warten in langen Reihen, die sich kreuz und quer über die Innenhöfe und bis hinaus auf die Straße ziehen. Am Durchgang zum letzten Hof liegt, auf einem blauen Samttischchen, eine einzelne Rose. Menschen stehen im Kreis herum und richten ihre Telefone darauf, um Aufnahmen zu machen.

Eine kleine Bühne ist aufgebaut, an der Wand dahinter stehen reglos aufgereiht Uniformierte und halten die Banner zahlloser Provinzen, Orden, Fakultäten. In den Bogengängen Mitglieder der verschiedenen Polizeieinheiten in der jeweiligen Paradeuniform, einer prächtiger als der andere. Man sieht goldene Legionärshelme, Tropenhelme, Bobbyhelme, Napoleonhüte, Prinz-Heinrich-Mützen. Ist die Kulturgeschichte der polizeilichen Kopfbedeckung Italiens bereits geschrieben?

Musik, Erinnerungen, Gedanken. Ein Schulfreund berichtet, wie er dem Jüngeren vor dessen Militärzeit eingebläut habe, nicht aufzufallen und sich wie ein gewöhnlicher Gefreiter zu verhalten. Als er später bei einem Besuch nach dem Soldaten E. fragte, habe der wachhabende Offizier leise geantwortet: »Der Professor? Der arbeitet.«

Am Ende einer langen Reihe von Ministern, Verlegern, Rektoren, Bürgermeistern, Vorsitzenden, Ehrenpräsidenten, Schauspielern, Weggefährten tritt ein Junge nach vorn und sagt seinen Namen, Emanuele, er sei der Enkel. Über die Menge im Hof hinweg schaut er auf und dankt seinem toten Großvater für all die Geschichten, die er von ihm erzählt bekommen hat.

Grazie, Umberto.

 

EcoFuneral

Advent

An jedem Spaziergänger, der einem nachts entgegenkommt, hängt eine wortlose Sprechblase aus Glühweinduft.

Wünsche

Noch mal mit dem Altpapier raus. Auf dem Hinweg drei Sternschnuppen. Auf dem Rückweg ärgern, mir nicht einfach gewünscht zu haben, dass in den Container noch was reingeht.

In Köln

Und dann tritt zur Verleihung des Heinrich-Böll-Preises an Herta Müller die neue Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker auf die Bühne. Ein kurzer Moment des Schweigens. Es ist nicht nur ihr erster Tag im Amt, sondern auch ihr erster öffentlicher Auftritt, seit sie vor einem guten Monat bei einem Wahlkampfauftritt schwer verletzt worden ist. Da erhebt sich, noch bevor heute Abend ein einziges Wort gesprochen wurde, die Festgesellschaft und applaudiert ohne Ende: ihrem Überleben, den Umständen, sich selbst.

Wofür ich die Terroristen außerdem hasse. (Und mich.)

Im Flugzeug. Komme als Letzter an Bord. Vor meinem Fensterplatz sitzt ein junger Mann. Nahöstliches Aussehen. Schaut kaum auf, als er mich durchlässt. Als Einziger in der kleinen Maschine behält er seine Jacke an. Hat das etwas zu bedeuten? Er starrt vollkommen unbeweglich geradeaus, dann und wann fährt er sich mit der Hand durchs Gesicht, an die Nase, über die Wange. Ich habe selten jemanden gesehen, der so nervös ist. Soll ich etwas sagen? Aber wem? Wir heben ab. Er knibbelt an den Fingern. Reibt sich immer wieder das Ohr, wie besessen. Außerdem schwitzt er. Warum zieht er die Jacke nicht aus? In Gedanken sämtliche Erklärungen durchspielen, es fallen mir ziemlich wenige ein. Warten Attentäter die Startphase ab, beherzigen sie die Anschnallzeichen? Wie lange bleibt mir noch? Ich warte auf die Getränke, vielleicht kann ich ihn dabei in ein Gespräch verwickeln, Scheherazade-artig immer weiter reden, um ihn aus dem Konzept zu bringen. Aber er winkt auf das Angebot der Stewardess einfach wortlos ab. Warum hat er überhaupt einen Gangplatz gebucht? Um rasch zur Tat schreiten zu können? Ich beobachte längst jede seiner Bewegungen. Sobald er sich abschnallt, werde ich ihm mit der Waffe drohen, die ich zufällig in der Hand halte: einem ziemlich weichen Bleistift. Wie kann man heutzutage überhaupt noch mit einem stumpfen weichen Bleistift in ein Flugzeug steigen? Man ist doch vollkommen wehrlos. Ich könnte ihn auf die Turbulenzen ansprechen, aber gerade da hören die Turbulenzen auf.

Am Ende nickt er ein, der Kopf fällt ihm auf die Brust, und endlich schaue ich ihn in Ruhe an. Jetzt erst erkennen, dass er eher indisch aussieht. Wie friedlich er schläft. Ein Bild vollkommener Ruhe.

Im Landeanflug spreche ich ihn dann doch noch an. Ja, entgegnet er, das Wetter sei terrible. Aber er fliege gleich weiter nach Asien, eigentlich sei er aus Neu-Delhi, wohne zur Zeit aber in Seoul, wo er für Samsung arbeite. Er war dienstlich in Graz, seine erste Reise nach Europa. Wie hoch und schön die Kirchen hier seien, er habe sie alle besucht.

»Safe travels«, rufe ich ihm nach, als wir uns verabschieden, »safe travels!«

Verdammte Angst. Verdammte falsche, idiotische Geschichten, die sie uns jetzt einzuflüstern versucht.

Was wird Literatur

Die Literatur war immer gut darin, unseren Plänen zuvorzukommen – den Lebensplänen und den Leseplänen. Und auch unseren Vorstellungen von der Literatur selbst. Bevor wir ihr etwas vorschreiben konnten, hatte sie sich schon vorausgeschrieben. Sie ist nicht nur in dieser Hinsicht ein Schlingel. Ich fürchte daher, nicht wir haben darüber zu befinden, was Literatur wird. Wenn wir Literatur im glühenden Sinne meinen, dann zeichnet eben das sie ja aus: Dass sie Haken schlägt, uns voraus ist, überrascht. Dieser Literatur einen zukünftigen Zustand zu unterstellen führte so weit wie der Versuch, Ort und Impuls eines Quantenteilchens zugleich zu bestimmen. So weit wie die Frage, ob Schrödingers Katze noch atmet. Was die Literatur wird, wissen die Götter, und die lassen sich ungern über die Schulter sehen.

Wir können allerdings bestimmen, was für uns selbst zu Literatur wird: Wir wählen aus. Als Verlag, als Rezensent, als Leser. Auch wer nicht selbst schreibt, prägt so die Möglichkeiten der Literatur. Ob die sich darum schert?

These 1: Je stärker Literatur sich darum kümmert, was andere von ihr wollen, desto länger gerät sie. Um zu entführen, fremde Leben anzubieten, auf andere Gedanken zu bringen. Das ist in Ordnung. Wir schätzen das seit Jahrhunderten. Und bei aller Lust am Neuen: Bewährtes kann man ruhig bewahren. Auf Papier zum Beispiel, zum ruhigen Lesen gibt es nichts Besseres.

These 2: Je weniger Literatur sich darum kümmert, was andere von ihr wollen, desto kürzer gerät sie. Weil unser Leben immer geschnipselter wird, der Takt der Wahrnehmungen kürzer. Das ist schon länger so, aber selbst die Akzeleration nimmt an Geschwindigkeit zu. Tatsächlich sehen wir ein Wiedererstarken des Flaneurs, des Meisters der Zusammenhanglosigkeit. Die kurze epische Form, über Jahrzehnte eingesponnen in Kleinstkokons, in Nischen gebettet, traut sich zurück auf die Straße. Das führt eher zur Intervention als zur Eskapade, es wird vielstimmig, flirrend. Eher ein Schwarm Bienen als ein einzelner Bär. Zu dieser Kürze gehört, dass man sie zwischendurch liest, unterwegs. Auf dem Bildschirm, zum schnellen Lesen gibt es nichts Besseres.

Mit dieser Janusköpfigkeit künftiger Literatur müssen, können, werden wir leben.

 

Zum Festival Was wird Literatur am Literaturhaus Graz 

Extraterrier

Bei der Kollegin hat die Polizei geklingelt, weil der Nachbar auf einmal ins Krankenhaus kam und irgendwo muss der arme Hund ja hin. Also haben wir nun einen temporären Verlagsterrier und ich war gerade mit ihm draußen im Park, er rechts, ich links, beide an der Leine, und vor dem Überqueren der Kreuzung machten wir gleichzeitig Halt und sahen einander an. Lasst es mich so sagen: Ich weiß jetzt, was Glück ist.

Im alten Grand Hotel

Die Gäste im Frühstückssaal sehen aus, als seien sie hier zur Welt gekommen, vor langer Zeit. Nietzsche war da, Tschechow fand es bald zu pompös und zog zum Sterben nach nebenan. Ein Hauch von Furcht liegt über dem Ganzen, eine längst leidenschaftslose, fast erloschene Angst. Die Witwe am Nachbartisch bestellt »Bohnenkaffee mit gemahlenen Bohnen«. Im Fahrstuhl der Hinweis auf das Ende der Sommerzeit (Bitte stellen Sie Ihre Uhren vor dem Zubettgehen um) ist zur Sicherheit nicht nur vom Hotelier unterschrieben, sondern auch von seinem Stellvertreter.

Grand Hotel